Entwicklungshilfe: Würde anerkennen & Freiheit fördern
Schweizer Hilfswerke in der Herausforderung
Immer mal wieder denke ich an all die stillen, verängstigten, ausgegrenzten, vertriebenen und vergessenen Menschen. An jene, die sich von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erwartungen überfordert fühlen. Die irgendwie nicht mithalten können. Die sich zurückziehen, obwohl sie genauso viel gelten wie wir alle. Ein Plädoyer für Würde und Freiheit – und für Entwicklungshilfe, die beides fördert.
Die Themen im Überblick:
Die Schweiz will bei der Entwicklungshilfe sparen
«Sparziel von 100 Millionen Franken – Schweiz zieht sich bei Entwicklungshilfe aus sechs Ländern zurück» schreibt der Tages-Anzeiger in seinem Artikel vom 24.6.2026. Der Schweizer Bundesrat wird also auch bei der Entwicklungshilfe sparen. Einige Kommentator:innen äussern sich froh darüber. Komme die Hilfe doch seit Jahren nicht bei den Bedürftigen an und die Schweiz werde trotz Entwicklungshilfe mit anspruchsvollen Migranten überrollt, so die Meinung.
Hauptsache, sparen. Hauptsache, weniger Steuern zahlen.
«Die Würde und Freiheit von Menschen sind unantastbar!»
Dieses Zitat steht auf dem Whitebord in meinem Büro. Diesen Grundsatz habe ich für mich definiert und versuche ihn zu leben. Ohne Ansehen der Personen und ihrer Meinungen. Das kann schon im engsten Umfeld schwierig werden, geschweige denn auf politischer Ebene.
Die Werte «Würde» und «Freiheit» tun in meinen Augen unserer ganzen Gesellschaft wohl. Besonders im Zusammenhang mit anders denkenden und lebenden und vielleicht sogar unterstützungsbedürftigen Menschen.
Stigmatisierung und Ausgrenzung
Manche Filme vergisst man nie. Bei mir ist einer davon «Ben Hur» mit Charlton Heston in der Hauptrolle. Ich weiss nicht mehr, wie alt ich damals war, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Doch was die Geschichte mit mir gemacht hat, kann ich noch heute nachfühlen.
In diesem Film habe ich hautnah miterlebt, wie es ist, wenn Menschen aufgrund einer Krankheit stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Als Teil einer behütenden Familie erschien mir so etwas gar nicht möglich.
Die Krankheit Lepra löste bei mir Ängste aus
Da wurden «Aussätzige» (Menschen mit Lepra) aus ihrem Lebensumfeld verwiesen und mussten, vom Rest der Gesellschaft abgesondert, in Höhlen leben (so habe ich es jedenfalls in Erinnerung). Einem langsamen Tod geweiht.
Doch Lepra ist ja heute kein Thema mehr. Oder? Leider doch. Wir sind einfach zu weit weg. Laut der WHO gehört Lepra zu den 20 vernachlässigten Tropenkrankheiten.
Soziale Ausgrenzung
Auch bei uns wurden Leprabetroffene isoliert. Was blieb auch anderes übrig? Damals wusste man noch herzlich wenig über Hygiene, was der Ausbreitung von Krankheiten Tür und Tor öffnete, und hatte auch kein wirksames Heilmittel dagegen.
Man sah diese chronische Infektionskrankheit als «Strafe Gottes» oder «Zeichen der Sünde». Und da man die verschiedenen Hautkrankheiten damals oft schlecht voneinander unterscheiden konnte, warf man alles in einen Topf. Verurteilt, ohne schuldig zu sein.
Angst vor der Ansteckung
In sogenannten Entwicklungsländern wie z. B. Brasilien, Demokratische Republik Kongo, Nigeria, Indien, Indonesien etc. ist Lepra noch heute ein ernstes Problem.
Sie wird durch den Erreger Mycobacterium leprae hervorgerufen und ist nur schwach ansteckend.
Für eine Ansteckung braucht es längeren und intensiven Kontakt mit einem Infizierten. Durch normalen Kontakt wie z. B. Händeschütteln, Umarmen, gemeinsames Essen oder nebeneinander Sitzen wird Lepra nicht übertragen.
Zu den Ursachen für Neuansteckungen gehört auch mangelnde Hygiene (-möglichkeiten).
Lepra ist sichtbar
Nach der Ansteckung, die über Tröpfcheninfketion erfolgt, kann es Monate bis Jahre dauern, bis die Krankheit ausbricht.Ob sie überhaupt ausbricht, hängt auch vom Ernährungs- und Gesundheitszustand eines Menschen ab. Eines der ersten Anzeichen ist beispielsweise das Ausfallen der Augenbrauenhaare. Mit dem Fortschreiten der Krankheit kommt es zu Nervenschädigungen, was zu einer Schmerzunempfindlichkeit führen kann. Ist dies an den Händen und Füssen der Fall, steigt die Gefahr von Verletzungen und anschliessenden Infektionen. Lepra schreitet nur sehr langsam voran und bedeutet einen langen Leidensweg. Sobald die Krankheit beginnt und sichtbar wird, stellt sich eine ungeheure Scham ein. Betroffene Menschen ziehen sich zurück, anstatt sich – was heute möglich ist – professionelle Hilfe zu suchen. Kultur und die damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen können in gewissen Ländern krasse Auswirkungen haben. Und bei uns? Heute? Wohl auch – denn wirft man einen Blick in die Sozialen Medien oder die Kommentare in Online-Medien, dann werden Menschen schnell mal an den Pranger gestellt.
Angst vor medizinischen Lösungen
Wir Menschen lieben Sicherheit und brauchen sie auch. Uns Dingen auszusetzen, die wir nicht einordnen können, fällt uns schwer. Ängste sind eine Kopfsache und unsere Gedanken kennen nun mal keine Grenzen. Wer sich zurückzieht, wer mit Dauerängsten lebt, hat vielleicht Mühe, sich für die moderne Medizin zu öffnen.
Der Weg zu Unbekanntem, wie neue Impfungen oder Medikamente, führt nur über Wertschätzung, Empathie und Vertrauensaufbau – und der braucht Zeit und Geduld.
Hoffnung: Lepra ist heute heilbar
Lepra entsteht durch den Erreger (Mycobacterium leprae) und kann mit Antibiotika erfolgreich behandelt werden. Was mehr Zeit erfordert, ist, Lepra-Betroffene überhaupt zu finden. Und sie nach der Behandlung wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Ihnen erreichbare Perspektiven zu ermöglichen.
Laut der WHO werden jährlich etwa 200’000 neue Fälle gemeldet. Das sind allerdings nur die, die sich finden lassen.
Dabei könnten alle geheilt und Lepra endgültig vernichtet werden – dafür braucht es Entwicklungshilfe!
Hoffnung auch für Vergessene leben
200’000 Ansteckungen weltweit sind zu wenig, um hierzulande in den Medien Gehör zu finden. Um gesehen, gehört und verstanden zu werden. Und schliesslich ist es für uns auch gefühlt weit genug weg.
Und doch gibt es Schweizer Hilfswerke wie die Lepra-Mission Schweiz. Diese christlich-humanitäre Organisation setzt sich seit 1905 für Lepra-Betroffene ein. Sie begleitet und unterstützt Spitäler und Projekte in Asien und Afrika und ist Teil der weltweiten Lepra-Mission, die in rund 30 Ländern tätig ist.
Geteiltes Leid kann verbindend sein
Es mag für eine moderne Gesellschaft wie die unsrige befremdend wirken, dass gerade geteiltes Leid verbindend wirken kann – wenn wir uns gemeinsam darauf einlassen. Dass Menschlichkeit und sich näher Kommen uns auf eine andere Art und Weise reich macht. Uns mit Sinn und Tiefe beschenkt.
Die Sensiblen gehen ein
Zahlreiche Krankheiten sind Auswirkungen von unserer Umweltzerstörung. So führt die Zerstörung des Regenwaldes zum Aufblühen von Stechmücken. Der starken. Der Generalisten und Überlebenskünstler.
Wo der Mensch die Natur bezwingt, überleben die Tausendsassas, die Sensiblen aber gehen ein.
(Quelle: Klima Resilienz – Christina Berndt).
Damit unsere Umwelt überleben kann, braucht es die Artenvielfalt. Im Netzwerk der Natur sind alle Lebewesen aufeinander angewiesen. Dazu gehören auch die Sensiblen. Die Unauffälligen.
Das gilt auch für uns Menschen. Denn die Würde und Freiheit aller sind unantastbar!
Selten war Entwicklungshilfe so wichtig wie heute!
© Andreas-Räber.ch, 20.10.2026
